Jeder Tag ist ein guter Tag, um über Geschlechtervielfalt zu sprechen. Heute ist „Intersex Awareness Day“, was wir heute zum Anlass nehmen, um über Intersexualität zu sprechen.

Etwa eins von 4500 Neugeborenen in Deutschland ist intersexuell. Das heißt, dass das Geschlecht dieser Kinder bei der Geburt medizinisch nicht eindeutig zugeordnet werden kann, bzw. dass sie männliche sowie weibliche Geschlechtsteile besitzen. Erst 2005 wurden die medizinischen Leitlinien so abgeändert, dass das „uneindeutige“ Genital nicht mehr chirurgisch an eine eindeutig weibliche oder männliche Entwicklung angepasst werden soll. Bis dahin wurde empfohlen, entsprechende Operationen innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt durchzuführen. Dabei ist bei Babys selbstverständlich völlig ungeklärt, welches soziale Geschlecht sie tatsächlich haben, weswegen derartige Operationen einen extremen Eingriff in die körperliche und psychische Gesundheit darstellen und unserer Meinung nach einer Verstümmelung gleichgesetzt werden können.

Diese Leitlinien sind rechtlich allerdings nicht bindend. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD haben beide Parteien festgesetzt, dass sie gesetzliche Regelungen schaffen wollen, nach denen geschlechtsangleichende medizinische Eingriffe an Kindern nur in unaufschiebbaren Fällen und zur Abwendung von Lebensgefahr zulässig sind. Ein derartiges Gesetz existiert allerdings bis jetzt nicht und so werden jährlich unverändert über tausend entsprechende Operationen durchgeführt. Welche davon aber überhaupt medizinisch notwendig sind, ist nicht geklärt.

Erst in diesem Jahr hat das Justizministerium einen entsprechenden Gesetzentwurf „Entwurf eines Gesetzes zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ vorgelegt. Wir können dabei nur Sven Lehmann, Sprecher für Queerpolitik der Grünen, beipflichten, der den Entwurf als herbe Enttäuschung bezeichnet und ergänzt: „Die Entscheidung über den Körper von intergeschlechtlichen Kindern soll nach dem Wissen der Bundesregierung weiterhin bei den Erwachsenen liegen. Und das auch in den Fällen, in denen keine medizinische Indikation vorhanden ist und es schlicht um Geschlechts­stereotypen geht.“ Die Selbstbestimmung des Menschen muss endlich im Mittelpunkt von Geschlechts- und Sexualitätsdebatten stehen und nicht ein veraltetes Menschenbild, an dem sich v.a. CDU/CSU-Politiker*innen immer noch festzuhalten scheinen.

Für uns ist klar, dass medizinisch nicht notwendige Operationen das Problem sind und sicher nicht intersexuelle Menschen. Unser Geschlecht definiert uns als Menschen genauso wenig wie unsere Sexualität. Das Problem liegt in einer Gesellschaft, die in binären heteronormativen Bahnen denkt und somit alles zu „normalisieren“ versucht, was nicht in ihr Weltbild passt. Ein Beispiel dafür ist der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß: Dieser leugnete im Februar sogar die Existenz von intersexuellen Menschen und erklärte, im „realen Leben“ gebe es ausschließlich Mann und Frau.