Heute ist Reformationstag, für viele Protestant*innen ein Tag zum Feiern – dieser Tag muss aber auch genutzt werden, um Martin Luther kritisch zu reflektieren. Denn oft und gerne wird bei diesem Jubiläum sein Antijudaismus (religiös motivierter Judenhass) ausgespart, wenn nicht gar systematisch verschwiegen.

In jüngeren Jahren trat Luther noch für einen friedlichen Umgang mit jüdischen Menschen ein, jedoch änderte sich dies, nachdem sich seine Missionierungsversuche als nicht erfolgreich erwiesen hatten. Seine Ablehnung von Jüdinnen*Juden steigerte sich bis hin zu Mord- und Versklavungsfantasien. Dass diese nicht bloß harmlose Rhetorik waren, zeigt sich darin, dass ein Fürst Luthers Worten Taten folgen ließ und tatsächlich die auf seinen Ländereien ansässige jüdische Bevölkerung vertrieb.

Dabei weisen vor allem seine Schriften und Forderungen in den Jahren vor seinem Tod starke Parallelen zu den Verbrechen der Shoa durch die Deutschen und ihre Kollaborateur*innen auf. Sein populärster judenfeindlicher Text „Von den Juden und ihren Lügen“ erschien 1543. Dieses Buch wurde zuletzt 1936, mitten in der NS-Zeit, veröffentlicht. Darin forderte er zur Brandstiftung von Synagogen und Privathäusern, der Vernichtung jüdischer Gebets- und Lehrbücher und der Verurteilung von Jüdinnen*Juden zu körperlicher Arbeit auf.

Die antisemitischen Stereotype, die Luther im 16. Jahrhundert vertreten hat, finden sich bis heute in rechten und antisemitischen Bewegungen – zum Teil in unveränderter Form: insbesondere der Mythos, Jüdinnen*Juden würden Brunnen vergiften oder Kinder entführen, wird bis heute in antisemitischer Propaganda verwendet.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Personenkult um Luther – man erinnere sich an die Kampagne „Luther 2017“ zum Reformationsjubiläum – vollkommen unangemessen. Denn auch wenn Luthers Loslösung vom korrupten Papstregime und sein kultureller Beitrag zur deutschen Sprache unbestreitbar sind, rechtfertigt das keinesfalls die so einseitige und unreflektierte Sicht auf ihn. Und wie kann eine Gesellschaft, die sich aufgrund des Nationalsozialismus und der Shoa in einer historischen Verantwortung sieht, gleichzeitig eine Person verehren, die zutiefst zutiefst antijudaistische Positionen vertreten hat?